Erschienen 23.03.2010 • MZ Lokalteil Bernburg • Seite 10
Bunte Farben unter grauer Hülle
Sanierung - Nach einjähriger Bauzeit wird der Westerker am Langhaus des Schlosses zum Tag des offenen Denkmals enthüllt. Farbfassung ist aus dem Jahr 1936. Figuren an der Fassade verkörpern die Tugenden.
VON SUSANNE WEIHMANN
Der sechsjährige Max und seine Mama Anne Glück waren zur Enthüllung des sanierten Westerkers auf den Schlosshof gekommen. Foto: Engelbert pulicher
bernburg/mz - So ganz verbergen konnte die graue Plane den sanierten Westerker am Langhaus des Bernburger Schlosses nicht. Ein kleiner Zipfel an der Spitze fehlte gestern und lenkte den Blick auf den ocker-roten Farbanstrich, der in der Mittagssonne leuchtete. Dass ausgerechnet dieses Detail ins Auge fiel, lag daran, dass der Westerker gestern am Tag des offenen Denkmals jeden Moment enthüllt werden sollte und ihm somit verstärkt Aufmerksamkeit zuteil wurde. Dabei konnte schon einmal spekuliert werden konnte, wie es unter der grauen Hülle aussieht.
"Wir hoffen, dem Langhaus damit neuen Glanz zu verleihen."
Ralf Lindemann, Stiftung Dome und Schlösser
Der Ausschnitt ließ aber nur erahnen, welche Pracht sich tatsächlich hinter der Abdeckung verbarg. Als die Hüllen nach mehr als einjähriger Bauzeit endgültig fielen, offenbarte sich den Besuchern auf dem Schlosshof eine Fassade mit restaurierten Reliefs, kräftigen Farben und vergoldeten plastischen Elementen. "Wir hoffen, dem Langhaus damit neuen Glanz zu verleihen", sagte Ralf Lindemann, Leiter der Bauabteilung der Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt, die einer der Eigentümer des Schlosskomplexes ist.
Doch hinter der schönen Fassade steckt viel mehr: Noch vor einem Jahr drohte der ganze Westerker einzustürzen, da der verwendete Sandstein stark geschädigt war. Daher sei das Motto des diesjährigen Tag des offenen Denkmals "Kultur in Bewegung" eigentlich gar nicht passend, so Lindemann. Denn für das Langhaus wäre es fatal gewesen, wenn die Steine in Bewegung geraten wären. Daher hat man den Baukörper vorsorglich gesichert, dass er sich eben nicht "in Bewegung" begibt.
Wie sich nach ersten Untersuchungen nach dem Abbau des Erkers im vergangenen Jahr herausstellte, hatten die verrosteten Eisenverankerungen, die zur Verbindung genutzt wurden, den Stein "regelrecht gesprengt". Noch schwerwiegender, so Lindemann, ist jedoch die starke Versalzung gewesen. "Die Konzentration war teilweise so hoch, dass die Ursache für die am Bau beteiligten Restauratoren und Kunsthistoriker, Naturwissenschaftler, Tragwerksplaner, Holzschutzgutachter, Bauherren und Architekten zunächst nicht erklärbar war".
Nach einer intensiven Fugenmörteluntersuchung hat sich herausgestellt, dass es sich um Magnesiumsulfat handelte, das den Sandstein stark zerstört hatte. Wahrscheinlich stamme dieses bauschädigende Salz aus dem 1908/09 verwendeten Vergussmörtel. Jedes einzelne Bauteil sei danach in einem Wasserbad gereinigt worden. "Ein aufwendiges, aber letztlich erfolgreiches Verfahren", so der Bauexperte der Stiftung. Zur Verbindung der Steine wurden jetzt unter anderem Dollen und Klammern aus Edelstahl verwendet.
Der Westerker war nach Angaben von Lindemann unter Fürst Joachim-Ernst (1536 bis 1586) 1568 errichtet worden. Da passte es dann auch, dass zur Enthüllung des Westerkers "Ein christlich Lied" von Joachim a Burgk vom Bernburger Projektchor und Instrumentalschülern von Vera Böhlk auf der Freitreppe angestimmt wurde. Denn der Schöpfer hatte das Lied 1579 anlässlich eines Besuches des Bauherren Joachim-Ernst komponiert.
Letztmals war der Baukörper vor rund 100 Jahren (1908) restauriert worden. Lediglich die Farbfassung sei in den 1930er und 60er Jahren erneuert worden. Man habe bei der jetzigen Restaurierung die Farbfassung von 1936 erneuert. Sie stammt von dem gebürtigen Hallenser Richard Degenkolbe, zu dessen Arbeiten unter anderem die Ausmalung des Treppenhauses im Rathaus II zählt. Diese Farbfassung hat man anhand von Befunden rekonstruiert, erklärte Lindemann.
Die baukünstlerischen und bildplastischen Darstellungen beruhen hingegen auf der bis ins früheste Mittelalter zurückgehenden symbolische Darstellung Christi und des Sündenfalls, erklärte der Bauexperte der Stiftung. "Da die moralischen Werte nicht ohne weiteres vergegenständlicht werden konnten, verschlüsselten sie die Künstler in allegorischen und symbolischen Darstellungen." Einige der Tugenden wurden in den Brüstungsfeldern dargestellt: die Tapferkeit, der Glaube, die Hoffnung und die Liebe.
Die Gesamtkosten für die Restaurierung - zusätzlich wurden die Dachtragkonstruktion und die Schiefereindeckung rekonstruiert sowie und die Giebelkronen mit einer wetterbeständigen Abdeckung aus Kupferblech versehen - betragen 230 000 Euro. Mit 52 000 Euro hat Lotto-Toto Sachsen-Anhalt die Maßnahme gefördert. Im Herbst soll ein weiterer Bauabschnitt zur Fortführung der Sicherung und Sanierung der inneren Tragkonstruktion und weiterer Gebäudeteile des Langhauses begonnen werden, kündigte Lindemann an. Die im Rahmen des Konjunkturpaketes II geförderte Maßnahme "Wir bauen Zukunft - Teilprogramm Grundsanierung und energetische Sanierung von Gebäuden" soll dann Ende des kommenden Jahres abgeschlossen sein.
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